Einleitung

"Bilingualer Sachfachunterricht muss und wird sich ausbreiten, da auf diesem Wege die im Rahmen zunehmender Globalisierung geforderten differenzierten, berufsbezogenen Englischkenntnisse besser, gründlicher und früher zu erreichen sind."1

 

In dieser Prognose zur Entwicklung des bilingualen Sachfachunterrichts von Gisela Schmid-Schönbein und Barbara Siegismund begegnen sich die Hoffnungen, welche mit der Erteilung von Unterricht in einer Fremdsprache verbunden werden. Das Ziel dieser berufsbezogenen Englischkenntnisse mag für Fächer wie Biologie und Chemie, in denen die Mehrzahl der wissenschaftlichen Zeitschriften in englischer Sprache erscheint plausibel scheinen, aber warum sollte man Geschichte nach den Rahmenrichtlinien Sachsen-Anhalts in der Fremdsprache Englisch unterrichten? Es wird wohl nur ein Bruchteil der SchülerInnen den Beruf des Historikers im englischsprachigen Ausland anstreben.

 

Gerade das Fach Geschichte bietet aber mit seiner Vielzahl an Sprechanlässen und dem großen Schatz an allgemeinem Diskursvokabular viele Gelegenheiten die allgemein anwendbaren Kompetenzen in der englischen Sprache zu verbreitern und zu vertiefen. Darüber hinaus ist es aber trotzdem speziell für den bilingualen Geschichtsunterricht entscheidend, einen fachlichen Mehrwert zu erlangen, welcher Englisch als Unterrichtssprache rechtfertigt. Diesem Anspruch fühlen wir uns im bilingualen Geschichtsunterricht am Herdergymnasium verpflichtet. Wir legen großen Wert darauf, den Anforderungen für das Fach Geschichte nach den Rahmenrichtlinien Sachsen-Anhalts2 gerecht zu werden, einen allgemeinen kommunikativen Kompetenzgewinn in der Fremdsprache Englisch zu erzeugen und einen historisch-interkulturellen Erkenntnisgewinn zu erzielen. Aber wie kann das funktionieren?

 

Für sprachliche Entlastung zu sorgen ist Bestandteil einer Methodik des bilingualen Geschichtsunterrichts, weshalb die Wortschatzarbeit einen gewissen Raum einnimmt und die Erweiterung des Geschichtsunterrichts um eine Stunde nach sich zieht.3 Auf der anderen Seite sollten jedoch stets die fachlichen Inhalte im Mittelpunkt stehen, weshalb die Perspektivik einen didaktischer Schwerpunkt des bilingualen Unterrichts bildet.4

 

Perspektivität stellt einen Grundsachverhalt menschlicher Wahrnehmung dar. Gemeint ist, dass unterschiedliche Stellungen in der Gesellschaft, die Geschlechtszugehörigkeit, die Religionszugehörigkeit und zahlreiche weitere Faktoren zu unterschiedlichen Sichtweisen führen.5⁠ Hierzu zählen auch die Mutttersprache und das kulturelle Umfeld. Der Begriff Multiperspektivität bezieht sich auf die Wahrnehmungen handelnder Menschen in unterschiedlichen historischen und kulturellen Umständen und mündet somit in unterschiedlichen Quellen.⁠ Die unterschiedlichen Perspektiven bei der Betrachtung der Geschichte aus heutiger Sicht führen zu Kontroversität. Auch hier haben unterschiedliche kulturelle Umfelder einen formenden Effekt. Deshalb steht im thematischen Mittelpunkt des bilingualen Geschichtsunterricht, dass Geschichte kein ewig- und allgemeingültiges System von Aussagen über Vergangenes, sondern veränderlich, aushandelbar und kulturell determiniert ist.6 Dies ist der Unterschied zwischen Vergangenheit und Geschichte. ⁠⁠

 

Geschichte trägt so der Verknüpfung der Vergangenheit mit den Umständen der Gegenwart Rechnung und erlaubt eine Orientierung für die Zukunft.7 Für diese Aufgabe stellen die Meinungen von Zeitgenossen (Multiperspektivität) und die rückwirkende Betrachtung von historischen Ereignissen durch Historiker und Kommentatoren (Kontroversität) ein Spektrum an möglichen Einschätzungen zur Verfügung, welches es SchülerInnen ermöglicht, zu einer eigenen Einschätzung zu gelangen.

 

Werthaltung als Bestandteil dieses Identitätsbildungsprozesses gestaltet sich zunächst stets in Abgrenzung zum Fremden.8 Da Kultur eine Struktur bildet, die Menschen sozial und zeitlich in eine Gemeinschaft einbindet, handelt es sich beim interkulturell-bilingualen Lernen deshalb um einen Prozess, der sowohl der Stereotypisierung des Fremden vorbeugt, als auch eine alternative Perspektive auf das eigene Handeln ermöglicht. In keinem anderen Unterrichtsformat wird stärker darauf abgezielt die eigene Geschichte durch die Augen anderer zu sehen. Dies wird deutlich, wenn man sich einige Beispiele betrachtet.

 

Der Euphorie ob der Ereignisses des Herbsts 1989 wir die Skepsis der britischen Presse an die Seite gestellt. Der Stolz auf die wirtschaftliche Entwicklung im deutschen Kaiserreich wird durch die Beschwerden britischer Ingenieure wegen diverser Urheberrechtsverletzungen ergänzt. Zur Erklärung jenes wirtschaftlichen Aufstiegs wird ein bewundernder Brief eines britischen Industriellen herangezogen, welcher das humboldtsche Universitätsmodell auch in Großbritannien fordert. Gerade bei Themen, die zunächst abwegig scheinen sind die Möglichkeiten letztlich unbegrenzt.

 

Ziel unseres Arbeitens im bilingualen Geschichtsunterricht am Herdergymnasium ist deshalb nicht die Vermittlung eines differenzierten Geschichtsbewusstseins trotz Unterrichts in der Fremdsprache, sondern die Ausbildung eines interkulturelles Geschichtsbewusstsein durch die Einbeziehung anderer Perspektiven in der Fremdsprache Englisch. 

(Stefan Weißhampel)

 

 

1Vgl. Beetz, Petra, und Gabriele Blell. „Den anderen ein Stück näher: Fremdverstehen in bilingualen Lehr- und Lernkontexten Geschichte - Englisch.” In Bilingualer Sachfachunterricht und Lehrerausbildung für den bilingualen Unterricht, herausgegeben von Gabriele Blell, 15-50. Fremdsprachendidaktik inhalts- und lernerorientiert . Frankfurt am Main: Lang, 2005, 30ff⁠.

2Thürmann, Eike. „Eine eigenständige Methodik für den bilingualen Sachfachunterricht(?).” In Bilingualer Unterricht: Grundlagen, Methoden, Praxis, Perspektiven, herausgegeben von Gerhard Bach und Susanne Niemeier, 71-89. Frankfurt am Main: Peter Lang, 2008, 77.

3Schmid-Schönbein, Gisela, und Barbara Siegismund. „Bilingualer Sachfachunterricht.” In Englisch lernen und lehren: Didaktik des Englischunterrichts, herausgegeben von Johannes-Peter Timm, 201-210. Berlin: Cornelsen, 1998. 210.

4Kultusministerium des Landes Sachsen-Anhalt. Rahmenrichtlinien Geschichte an Gymnasien. 27. Aufl. Magdeburg, 2003.

5Bergmann, Klaus. „Multiperspektivität.” In Handbuch Methoden im Geschichtsunterricht: Klaus Bergmann zum Gedächtnis, herausgegeben von Hans-Jürgen Pandel, Gerhard Schneider, und Ulrich Mayer, 65-77. Schwalbach: Wochenschau-Verlag, 2007, 65.

6Ebd., 72.

7Schörken, Rolf, Hrsg. Der Gegenwartsbezug der Geschichte. Stuttgart: Klett, 1981, 5.⁠

8Kollenrott, Anne Ingrid. Sichtweisen auf deutsch-englisch bilingualen Geschichtsunterricht. Fremdsprachendidaktik inhalts- und lernerorientiert. Frankfurt am Main: Peter Lang, 2008, 51.